Weltkirche im Bistum Aachen
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Weltkirche im Bistum Aachen
 
 
Ulrike Purrer

Die Theologin Ulrike Purrer (4.v.links, Fachkraft der Bethlehem Mission Immensee) lebt seit 3 Jahren unter den Ärmsten der Armen. Hier zu Besuch bei Fufa Ensermu Wakuma und ihren Kindern. Sie ist 33 Jahre alt und kommt aus Äthiopien.

Vollbild Ulrike PurrerGalerie Ulrika Purrer Ulrika Purrer

 
 

 

Text: Thomas Milz, Fotos: Jürgen Escher

„Der Tod darf einfach nicht das letzte Wort haben"

Theologin Ulrike Purrer Guardado

In der südkolumbianischen Küstenstadt Tumaco lebt die Theologin Ulrike Purrer Guardado mitten unter Flüchtlingsfamilien. Sie hilft, den Jugendlichen dort neue Perspektiven zu finden.

500 Fotos bedecken die Wände des kleinen Raumes in der „Casa de la Memoria" – dem „Haus der Erinnerung" – im Stadtzentrum von Tumaco. Sie zeigen Männer und Frauen jeden Alters, Zivilisten und Uniformierte, Jugendliche und sogar Kinder. Sie alle haben eines gemeinsam: Sie sind Opfer des Bürgerkriegs, ums Leben gekommen in den letzten Jahrzehnten, in denen die Gewalt in der Region Tumaco Einzug hielt. Unter ihnen sind auch Menschen, die Opfer und Täter zugleich sind, die erst mordeten, bevor sie selbst ermordet wurden. Im „Haus der Erinnerung", das vor drei Jahren mit Unterstützung von Adveniat aufgebaut wurde, haben alle einen Platz. „Wir sind nicht in der Lage zu urteilen, wer eher Täter und eher Opfer ist", sagt Ulrike Purrer, eine evangelische Theologin aus Rostock, die seit drei Jahren die diözesane Jugendarbeit in der südkolumbianischen Küstenstadt koordiniert.

Aus der Luft betrachtet, gleicht Tumaco einem Paradies: weiße Sandstrände und der blau schimmernde Pazifik, im Hintergrund die von dichtem Urwald bedeckten Berge. Doch je näher man mit dem Flugzeug der Landepiste am Stadtrand kommt, desto deutlicher treten die aus Holzplanken zusammengezimmerten ärmlichen Pfahlbauten an der Küste ins Auge.

Viele der 80.000 Bewohner der Stadt sind Flüchtlinge, die in den letzten zwanzig Jahren vor der Gewalt des Bürgerkriegs aus dem Umland hierher geflohen sind. Doch die Gewalt ist mit ihnen gekommen. Heute wird die Stadt von rivalisierenden Splittergruppen der FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia) dominiert, Kolumbiens größter Guerillagruppe. Einst angetreten, um den ärmlichen Bauern des Landes zu ihren Rechten zu verhelfen, geht es den Gruppen heute oft vor allem darum, den lukrativen Drogenhandel zu kontrollieren.

So sei die Stadt von unsichtbaren Linien durchzogen, die die Territorien der Drogenbanden abstecken, sagt Purrer. Wer diese Linien nicht respektiert oder überschreitet, ist verloren. „Für die Jugendlichen ist es ein unfreies Leben, in dem sie keine Fehler machen dürfen. Denn in Tumaco bekommt man keine zweite Chance, der erste Fehler ist meist tödlich." Fast täglich sterben in Tumaco Menschen, die Mordrate ist um ein Vielfaches höher als im Rest des Landes.

Die Regierung im fernen Bogotá lässt die überwiegend afrokolumbianische Bevölkerung mit alldem allein. Wie Gefangene seien die Jugendlichen, ihre Zukunft in Geiselhaft genommen, meint Purrer Ohne die Chance, eine Ausbildung abzuschließen und eine Arbeit zu finden, führt der Weg vieler Jugendlicher in die Gewalt. „Irgendwann kommen sie mangels Alternativen in Kontakt zur Gewalt, gehen zum Militär oder schließen sich Guerilla-Gruppen an", so Purrer. Und irgendwann hängen ihre Bilder dann an einer der Wände in der „Casa de la Memoria". Ein Teufelskreis, den die couragierte Theologin mit ihrer Arbeit zu durchbrechen sucht.

„Die Situation hier ist vom bewaffneten Konflikt geprägt, der seine Ursachen in den sozialen Konflikten hat. Und die spürt man tagtäglich: kein Trinkwasser, kein Abwasser, schlechte Schulbildung, ein mangelhaftes Gesundheitssystem." Dagegen will Purrer mit ihrer Arbeit ein Zeichen setzen. In ihrem Stadtviertel „Nuevo Milenio", einer ärmlichen Hüttensiedlung am Stadtrand, leitet sie Jugendgruppen und betreut ein Jugendzentrum – eine Arbeit, die von Adveniat finanziell unterstützt wird.

Um die Sorgen und Nöte der Menschen besser verstehen zu können, lebt sie einfach und bescheiden mitten unter ihnen. „Das ist für mich ein Stück Glaubwürdigkeit und Kohärenz. Um gemeinsam mit den Menschen ihre Realität verändern zu können, muss ich diese Realität erst einmal kennen." Zudem haben die Menschen mehr Vertrauen zu ihr, weil sie ihren Alltag teilt. Dass eine derartige Nähe nicht immer einfach ist, gibt sie zu. „Ich komme mir oft vor wie Don Quijote, der gegen Windmühlen ankämpft", sagt Purrer.

Die Armut im „Nuevo Milenio" ist erdrückend, auf wackeligen Holzpfählen haben die Menschen ihre Häuser einige Zentimeter über dem Pazifikerrichtet. Abfälle wirft man einfach nach unten in die moderige Brühe. Ein trauriger Anblick, doch ans Aufgeben denkt Purrer nicht. „Ich habe eine gute Ausbildung in Deutschland genossen und will mein Wissen an Menschen weitergeben, die dieses Privileg nicht haben."

Ziel ihrer Arbeit sei die konkrete Friedensarbeit, „es geht darum, Wege aus der sozialen Ungerechtigkeit zu finden, damit gesellschaftlicher Wandel von unten stattfinden kann, von der Basis aus und mit der Bevölkerung." Die schwierigste Aufgabe dabei ist es, Verbündete zu finden, die diesen steinigen Weg langfristig mitgehen wollen, „so nah dran zu sein und das auszuhalten."

Doch sie hat erste Mitstreiter gefunden, es sind Jugendliche wie die 19-jährige Lina Viviana Peña Olaya, die Purrer aus der Jugendarbeit heraus an ein ehrenamtliches Engagement herangeführt hat. Heute arbeitet Lina in der „Casa de la Memoria" und engagiert sich im Jugendzentrum der Diözese. Demnächst beginnt sie ihr Psychologiestudium, um sich danach für die Jugendlichen in Tumaco einzusetzen. „Tumaco braucht Menschen, die sich um Tumacos Zukunft kümmern", sagt Lina.

In der „Casa de la Memoria" fragt Ulrike Purrer die Jugendlichen ihrer Gruppe, ob sie Freunde oder Verwandte an der Bilderwand entdecken. Es dauert eine Weile, bis die ersten anfangen zu erzählen, doch dann ist das Eis gebrochen. Später schreiben alle ihre Wünsche für die eigene Zukunft auf kleine Zettel, ihre Hoffnungen und Ängste. Am Ausgang der „Casa" heften sie die Zettel an eine Wand, wo sie einen übergroßen „Lebensbaum" formen, ein „Symbol für eine Zukunft ohne Gewalt in Tumaco", erklärt Purrer. Es sei wichtig, dass nach dem erdrückenden Schrecken der Opferbilder mit dem Lebensbaum ein positives Zeichen gesetzt wird. „Denn der Tod darf einfach nicht das letzte Wort haben."

 

Frieden jetzt! Die Adveniat-Aktion 2015
Die bundesweite Weihnachtsaktion des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat wird am ersten Adventssonntag, 29. November 2015 in Stuttgart eröffnet. Unter dem Motto „Frieden jetzt! Gerechtigkeit schafft Zukunft" setzt sich Adveniat vor allem dafür ein, dass Strukturen der Gewalt beseitigt werden und Versöhnungsarbeit die Voraussetzung für ein friedliches Miteinander in Lateinamerika bilden kann. In der Adventszeit sind Adveniat-Partner aus Kolumbien und Guatemala in den deutschen Bistümern unterwegs, um über ihre Arbeit für den Frieden zu berichten. Die traditionelle Weihnachtskollekte, die am 24. und 25. Dezember in allen katholischen Gemeinden Deutschlands stattfindet, ist für die Hilfe für die Menschen in Lateinamerika bestimmt. Spenden Sie für Hilfsprojekte in Lateinamerika, die sich dem Kreislauf von Gewalt und Ungerechtigkeit entgegenstellen: Spendenkonto 17345 bei der Bank im Bistum Essen, BLZ 360 602 95 (IBAN: DE03 3606 0295 0000 0173 45, BIC: GENODED1BBE).


Von Adveniat

Veröffentlicht am 16.11.2015

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