Weltkirche im Bistum Aachen
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Weltkirche im Bistum Aachen
 
 
Bischof Heinrich Mussinghoff bseuschte ein letztes Mal während seiner Amtszeit Kolumbien

Die Herzlichkeit der kolumbianischen Menschen steckt an: Bischof Mussinghoff bei einem Gemeindebesuch im Bistum Cúcuta.

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Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 10/2015

Alles tun für friedliche Zukunft

Bischof Mussinghoff besuchte zum siebten Mal das Partnerland des Bistums Aachen, Kolumbien

Die siebte Reise von Bischof Heinrich Mussinghoff ins Partnerland Kolumbien führte vor allem an Orte, die er in der Vergangenheit wegen der Sicherheitslage nicht bereisen konnte. Beherrschendes Thema bei Begegnungen und Gesprächen war der aktuelle Friedensprozess.

Weil die Gesprächspartner immer wieder nach der deutschen Aufarbeitung gewaltbelasteter Vergangenheit fragen, wird auf Initiative von Bischof Mussinghoff im Juni 2015 in Berlin ein Austausch zwischen Vertretern aus Kolumbien und deutschen Experten zum Thema Vergangenheitsbewältigung stattfinden.



Bischöfe ringen um Rolle im Friedensprozess


Da die katholische Kirche, die bei den Menschen nach wie vor großes Ansehen genießt, in dem bevorstehenden Versöhnungsprozess eine Schlüsselfunktion haben wird, ringen die Bischöfe Kolumbiens derzeit um eine Position, mit der sie ihrer eigenen Rolle gerecht werden und der Befriedung des Landes am besten dienen können. Dies wurde auf der Vollversammlung der Kolumbianischen Bischofskonferenz deutlich, die Bischof Mussinghoff zu Beginn seiner Reise in Medellín besuchte.

Die direkt an der Grenze zu Venezuela gelegene Millionenstadt Cúcuta war die erste Reisestation, an der das riesige Ausmaß der innerkolumbianischen Vertreibungen sichtbar wurde. Etwa ein Viertel der Bevölkerung von Cúcuta ist von ihrem Land in die Stadt geflohen, weil sie durch einen oder mehrere bewaffnete Akteure bedroht oder gewaltsam vertrieben wurden. Die meisten von ihnen leben in Elendsvierteln am Stadtrand. Die wenigen Bauprojekte der öffentlichen Hand für diese Menschen wirken wie Tropfen auf den heißen Stein.
Das gespannte Verhältnis zwischen Kolumbien und Venezuela belastet zusätzlich die Lebensbedingungen, begleitet vom Schwarzhandel vor allem mit venezolanischem Erdöl/ Benzin. Das Bistum Cúcuta, das neben der Großstadt das Umland umfasst, versucht die größten Probleme mit jeweils angepassten Programmen anzugehen. Die Diözesancaritas hat zum Beispiel eine Sozialpastoral eigens für die Landbevölkerung entwickelt, bei der es unter anderem um Nahrungssicherheit und Stärkung in Fragen des Landbesitzes geht.  


Damit Menschen weniger anfällig für Gewalt sind

Vor allem die jüngere Bevölkerung soll durch das Projekt „Partici-Paz“ angesprochen werden – ein Wortspiel, das Beteiligung und Frieden beinhaltet. In Zusammenarbeit mit der Nachbardiözese Tibú, die ähnlich an den bewaffneten Konflikten leidet, soll dieses Projekt Menschen in ihrer politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Identität und Organisation stärken und sie so weniger anfällig für Gewalt von außen machen, die das öffentliche Leben dort in der Vergangenheit zeitweise zum Erliegen brachte.

In den Bergen des Umlands besuchte Bischof Mussinghoff zusammen mit dem Bischof von Cúcuta, Julio César Vidal Ortiz, die Reste des Städtchens Gramalote, das Ende 2010 fast völlig unter einer Gerölllawine begraben wurde. Einer der Türme der Pfarrkirche ist als eines der wenigen Überbleibsel des alten Ortes erhalten. Bei Begegnungen in den Übergangsquartieren (samt Notkirche) in der unmittelbaren Nähe war Mussinghoff bewegt von der Tatkraft und Glaubensstärke der Menschen, die sich für den Wiederaufbau Gramalotes als erstes öffentliches Gebäude eine neue Kirche vorgenommen haben.

Beim Besuch des Bistums Riohacha im äußersten Nordosten des Landes an der Karibikküste wurde die gigantische Dimension des Kohlebergbaus deutlich, der eine der Säulen des Wirtschaftswachstums ist, auf die die kolumbianische Regierung setzt. Den kurz- und mittelfristigen Konsequenzen bei der Schaffung von Arbeitsplätzen stehen mittel- und langfristig die unabsehbaren Folgen für das Umwelt- und Sozialgefüge der Region gegenüber. Einer der Hauptabnehmer kolumbianischer Kohle ist Deutschland. In der Wüste der Halbinsel La Guajira lebt mit den Wajuu die größte indigene Ethnie Kolumbiens. Die Wajuu überlebten die Eroberung durch die Spanier in ihrem für deren Interessen wenig attraktiven Stammland größtenteils nicht zuletzt wegen ihrer (bis heute spürbaren) extremen Widerstandsfähigkeit.


Kritik ist lebensgefährlich, auch für einen Bischof

Monseñor Héctor Salah, der Bischof von Riohacha, berichtete von den Schwierigkeiten bei der Integration der Wajuu, die fast die Hälfte der Bevölkerung im Departement La Guajira ausmachen. Die einzigen effektiven Schulen, in denen Sprache und Kultur der Wajuu wirklich ernstgenommen werden, seien, so Salah, in kirchlicher Trägerschaft – und erhielten aufgrund der aktuellen Gesetzgebung keine finanzielle Unterstützung vom Staat.

Bischof Salah beeindruckt durch einfachen Lebensstil und bescheidenes Auftreten, was ihn nicht davon abhält, immer wieder die Korruption als Wurzel vieler menschen-
gemachter Übel öffentlich anzuprangern – eine lebensgefährliche Kritik; dennoch lehnt Salah den angebotenen Polizeischutz ab, um die Nähe zu den Gläubigen nicht zu verlieren.
Das anschließend besuchte Barranquilla liegt ebenfalls an der Karibikküste und ist durch Freihandelsabkommen mit den USA zur Boomtown und mit anderthalb Millionen Einwohnern zur viertgrößten Stadt des Landes geworden. Passend zu der durch Hochhausbaustellen überall sichtbaren Prosperität zelebrierte Bischof Heinrich Mussinghoff die Sonntagsmesse in
einem der zahlreichen Einkaufszentren – eine in allen kolumbianischen Großstädten übliche liturgische Praxis der Großstadtpastoral.

Barranquilla ist eine der weltweit größten Karnevalshochburgen, deren Straßenkarneval seit 2008 zum immateriellen Kulturerbe der Unesco-Welterbeliste gehört. Mussinghoff nahm an der Batailla de Flores (Blumenschlacht) teil. Sie ist einer der vier großen Umzüge an den tollen Tagen. Ein für die konkrete Weiterentwicklung der Partnerschaft zwischen Kolumbien und Aachen wichtiges Treffen fand in Medellín mit den Mitgliedern der kolumbianischen Delegation statt, die im Juni 2014 das Bistum Aachen besucht und an den drei großen Heiligtumsfahrten teilgenommen hatten. 

Alle waren sich im Austausch einig, dass die Kommunikation zwischen den Partnern vor allem mit Hilfe neuer Medien ausgebaut und die Strukturen der Partnerschaftsarbeit auf beiden Seiten des Atlantiks weiterentwickelt werden sollten. Im Priesterseminar von Santa Marta ermutigte Bischof Mussinghoff die Seminaristen, als Glaubenszeugen und Kirchenmänner für Versöhnung und Frieden einzutreten, einen Frieden, der für uns Christen nur von Christus kommen könne. Noch in Kolumbien zu seinen stärksten Eindrücken vom Besuch gefragt, meinte Bischof Mussinghoff, dass ihn vor allem die vielen Kinder und Jugendlichen beeindruckt hätten, für deren friedlichere Zukunft gerade auch von der Kirche alles getan werden müsste.


Von Thomas Hoogen

Veröffentlicht am 22.06.2015

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