Weltkirche im Bistum Aachen
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Partnerland Kolumbien auf dem schweren Weg zur gewaltfreien Gesellschaft

Bildlich Visionen verdeutlichen: etwa die der Versöhnung in einem zerrissenen Land.

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Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 40/2015

Lernen, wie Frieden einst gelingen kann

Partnerland Kolumbien auf dem Weg zur gewaltarmen Gesellschaft

Ein erfolgreicher Abschluss der Friedensverhandlungen in Kolumbien zur Beendigung der über 50-jährigen bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Militärs und Guerilla scheint immer wahrscheinlicher.

Gleichzeitig ist der Rückhalt für ein solches Abkommen in großen Teilen der Bevölkerung noch sehr schwach. Die internationale Gemeinschaft ist sehr viel positiver eingestellt als die Kolumbianer selbst. Gerade in Regionen, wo es keine direkten bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Guerilla und Militärs gibt und der Konflikt entsprechend nicht mehr so präsent, ist die Skepsis groß. Zu Zugeständnissen an die Guerilla bezüglich alternativer Strafen sind viele nicht bereit und bevorzugen eine militärische Lösung, wenngleich diese mehr Tote auf beiden Seiten bedeutet, und jeder tote Soldat betrauert wird.

Entscheidend für einen dauerhaften Frieden in Kolumbien ist eine Friedenspolitik, die auf die regionalen Unterschiede Rücksicht nimmt und die regionale Mitbestimmung und -gestaltung fördert, denn in den verschiedenen Landesteilen sind die Herausforderungen unterschiedlich. Im Oktober stehen Lokalwahlen an (Bürgermeister, Stadträte und Gouverneure). Die Kandidaten, die jetzt an die Macht kommen, werden vermutlich diejenigen sein, die eine Friedenspolitik in den Regionen mit umsetzen müssen. Einige Kandidaten sind Gegner der derzeitigen Verhandlungen, besonders aus dem rechten Lager um Ex-Präsident Uribe. Vielen der Kandidaten werden Korruption und/oder Verbindung zu paramilitärischen Gruppen vorgeworfen, einigen auch Stimmenkauf. Zudem gab es bereits Anschläge und Drohschreiben an Kandidaten der Region, die sich für die Landrückgabe an Vertriebene und Opferrechte einsetzen.

 

Stadt braucht neue Bürgerkultur für ein besseres Zusammenleben

Inmitten des Wahlkampfes hat nun der neue Bischof des Bistums Sincelejo, um an die Verantwortung der Wähler zu appellieren, dazu aufgerufen, zu überlegen, wie Jesus wählen würde. Praktiken wie Wählerstimmenkauf sind leider üblich und tragen zur Stagnation der Region bei, denn die gewählten Kandidaten greifen hinterher in die Staatskassen, um das investierte Geld wieder herauszuholen. Laut des Vikars von Sincelejo hätten gesellschaftliche Verkommenheit und korrumpierte Bräuche zu dem heutigen sozialen Chaos geführt, wo niemand mehr niemandem traue. Was die Stadt brauche, sei deshalb eine neue Bürgerkultur für ein besseres Zusammenleben. Angesichts der Untätigkeit und Hilflosigkeit der Polizei gegenüber der hohen Kriminalität und immer wieder vorkommenden Morden im Zuge von Überfällen fordert der aktuelle Bürgermeister sogar das Einschreiten der Armee.

Vor diesem Hintergrund habe ich für die Diözese einen mehrteiligen Kurs angeboten, dessen Teilnehmerinnen Mitglieder der katholischen Hochschulgemeinde waren. In diesem wurden wichtige Aspekte für besagte Bürgerkultur beziehungsweise Friedenskultur thematisiert. Gerade junge Menschen finden nicht genug Gehör im derzeitigen Prozess und wissen wenig über die derzeitigen Verhandlungen. Sie kennen kein friedliches Kolumbien, sind aber die Gestalter des Friedens von morgen, eine Bewusstseinsbildung in Bezug auf Menschenrechte, Frieden und Konfliktkultur ist deshalb wichtig. Dabei ging es nicht darum, sie zu Rechtsexperten auszubilden, sondern eher die ethische Dimension der Menschenrechte, christliche Werte und ihre Bedeutung für die aktuelle Situation in der Region und im Miteinander, zu beleuchten und sie für die Verteidigung der Menschenrechte zu gewinnen.

 

Ohne Vorrang des Allgemeinwohls gibt es keinen Frieden

Für die meisten Teilnehmer bedeutete Frieden ein Leben in Harmonie, ohne Konflikte. Viele junge Menschen kennen zudem nur die Logik Gewinner/Verlierer in Konflikten oder Streits und haben immer wieder erlebt, dass Gewalt ein probates Mittel der Konfliktaustragung ist. Die Verbindung zwischen einem nachhaltigen Frieden, gewaltfreier Konfliktaustragung und der Verwirklichung der Menschenrechte zu verstehen und verschiedene Friedensansätze bei Akteuren der kolumbianischen Gesellschaft zu erkennen, war deshalb ein Ziel des Kurses. Ein Kommunikationsstudent (26) sagte: „Ich habe viel über die Massaker in unserer Region gehört, kann jetzt aber besser verstehen, was hinter der Gewalt gesteckt hat; nicht nur, was geschehen ist, sondern auch warum. Jessica (20) ergänzt: „Durch den Kurs kann ich die Realität, die wir täglich in Kolumbien erleben, besser analysieren und habe auch ein besseres Verständnis dafür, wie Frieden erreicht werden kann und welche Mechanismen der Übergangsjustiz es gibt. Nur mit diesem Bewusstsein können wir eine Gesellschaft in Würde schaffen, in der Jugendliche einen fundamentalen Beitrag leisten.“

In einem Rollenspiel wurden die Teilnehmer selbst Akteure eines Konfliktes, den es zu regeln galt – leider erfolglos. In der Auswertungsrunde sagte ein Bauingenieurstudent (22) nachdenklich: „Wenn wir es im Spiel nicht schaffen, unsere Einzelinteressen hinter das Allgemeinwohl zu stellen und eine Einigung zu finden, wundert es mich nicht, dass unsere Gesellschaft keinen Frieden findet.“ Große Diskussionen gab es zur Frage nach Gerechtigkeit bezüglich der Menschenrechtsverletzungen im Rahmen des bewaffneten Konfliktes. Es kam eine lebendige Diskussion um die Bestrafung der Guerilla-Kämpfer und um alternative Strafen auf. Vor dem Hintergrund überfüllter Gefängnisse war ein wichtiger Aspekt, dass Häftlinge dort eher kriminalisiert als resozialisiert werden, Freiheitsstrafen für Versöhnung und einen dauerhaften Frieden also gar nicht so zielführend seien wie soziale Dienste . Eine andere Teilnehmerin sagte, sie habe durch den Kurs ihre eigene Haltung zur Versöhnung mit der Guerilla hinterfragt und sei zu dem Schluss gekommen, dass es ihre Aufgabe als Christin ist, den ersten Schritt zu tun: „Wenn unmittelbare Opfer der Gewalt den Tätern vergeben können, warum kann ich es dann nicht?“ Melissa, 19 Jahre alt, Studentin der Wirtschaftswissenschaft und selbst Vertreibungsopfer, hat der Kurs geholfen, den Groll, den sie als Opfer des bewaffneten Konfliktes verspürt, etwas zu vermindern.

Die Autorin war als Friedensfachkraft in Sincelejo tätig.


Von Julia Düe

Veröffentlicht am 08.10.2015

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