Weltkirche im Bistum Aachen
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Weltkirche im Bistum Aachen
 
 
Eine Aachener Delegation aus dem Bistum besuchte gemeinsam mit Misereor-Geschäftsführer Pirmin Spiegel Bangladesch

Bischof Kubi (Mitte) erhält das neue Hungertuch.

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Gemeinsam gegen den Hunger

Aachener Delegation besucht Initiativen, die Armut und Hunger in Bangladesch erfolgreich begegnen

„Wir haben den Hunger satt!“ lautet das Leitwort der Misereor-Fastenaktion 2013, die jetzt in Aachen eröffnet wird. Aus drei Beispielländern sollen dabei erfolgreiche Projekte gegen den Hunger vorgestellt werden.

 Eines davon ist Bangladesch. Eine kleine Delegation aus dem Bistum Aachen und von Misereor hat deshalb vor der Fastenaktion das Land und die Menschen in den Projekten besucht.

Wir werden erwartet am Flughafen in Dhaka, der Hauptstadt Bangladeschs. Aber nicht nur dort. Überall, wo wir hinkommen, stehen erwartungsfroh Menschen bereit. Einige überreichen uns Blumengestecke, anderswo laufen wir über ein Meer von Blütenblättern, umringt von tanzenden und singenden Menschen in farbenfrohen Gewändern. All das wirkt nicht aufgesetzt, sondern echt und sympathisch.
Manfred Körber, Abteilungsleiter für weltkirchliche Aufgaben im Bistum Aachen, und seine Mitarbeiterin Anke Reermann freuen sich über ungezwungene Begegnungen, die sie gemeinsam mit dem Leiter des katholischen Hilfswerks Misereor, Monsignore Pirmin Spiegel, und der für Bangladesch zuständigen Länderreferentin Manuela Ott erleben.
Dabei sind es sehr ernste Themen, die die kleine Delegation aus der Diözese und von Misereor hierher geführt haben. Warum gibt es so viel Hunger in der Welt und wie kann er bekämpft werden?
In Bangladesch suchen wir Antworten auf diese Fragen: Knapp 150 Mio. Einwohner leben hier auf engem Raum beisammen – gerade mal zweimal so groß wie Bayern, aber fast doppelt so viele Einwohner wie Deutschland! Es gibt wenige Mächtige und extrem viele Notleidende: Ein Drittel der Bewohner lebt unterhalb der Armutsgrenze; jeder Zweite ist Analphabet. Fast die Hälfte der Kinder unter fünf Jahren gilt als unterernährt.  „Bei uns in der Region leben sieben ethnische Minderheiten, eine der größten sind die Garo“, informiert uns Paul Ponen Kubi, Bischof von Mymensingh. Hier arbeitet Misereor mit der Caritas zusammen.


Benachteiligte Minderheiten


„Die Garo wurden früher von ihrem Land vertrieben. Und als sie zurückkehrten, war das Land weg“, erfahren wir von Theophil Nokrek, dem Leiter des Projekts, der selbst Garo ist. Der Kampf um die Rückgabe ihres Landes ist noch immer nicht entschieden. Aber selbst für die Bauern, die Land besitzen, reicht es oft nicht. Denn die Folgen des Klimawandels treten hier besonders deutlich zutage:
Regenzeiten verschieben sich, ausgelaugte Böden schmälern  den Ertrag. Mit den Bauern soll der Wechsel zu einer den klimatischen Veränderungen angepassten Landwirtschaft erreicht werden – eine gewaltige Aufgabe, denn dazu müssen Gewohnheiten geändert und neue Ideen und Anbaumethoden eingeübt werden.
Alte, widerstandsfähige Reissorten wurden wiederentdeckt und nun von den Bauern weitergezüchtet. Eine eigene Reis-Saatgut-Bank haben sie angelegt, nun brauchen
die Bauern das Saatgut nicht mehr jährlich neu zu kaufen. 22000 Kleinbauernfamilien aus 500 Dörfern haben bereits entsprechende Kurse besucht. „Was die hier auf die Beine stellen, ist bewundernswert“, freut sich Manfred Körber über das Projekt, „die übernehmen einen echten Dienst an der gesamten Gesellschaft!“
Am nächsten Tag erklärt uns Sukanta Sen, Leiter eines anderen von Misereor unterstützten Projekts namens Barcik, seine Idee des „People led development-Prozesses“: „Entwicklung kann nur gelingen, wenn sie von den Betroffenen selbst geführt wird“, meint der 48-Jährige, der damit das traditionelle System des „Voneinander-Lernens“ wiederbelebt hat. Was das bedeutet, lernen wir im Dorf Shormushea kennen. Die meisten Dorfbewohner sind Fischer, doch ihre Möglichkeiten, im nahe gelegenen Fluss Mokra zu fischen, wurden ihnen systematisch genommen. Findige Geschäftemacher hatten die Fischereirechte gepachtet und wollten diese nur gegen hohe, für die Fischer von Shormushea unbezahlbare Gebühren weitergeben. Gemeinsam mit Barcik haben die Fischer bei der lokalen Regierung diese Ungerechtigkeit eingeklagt – und hatten Erfolg! Mehrere Abschnitte des Flusses wurden wieder zum Fischen freigegeben. Nun können die Familien fischen und ihren Kindern so eine bessere Zukunft geben.
„Eigentlich gibt es gute Gesetze und Regelungen, aber es gibt große Probleme, diese umzusetzen“, erfahren wir. Und: In 80 Prozent aller Gerichtsverhandlungen in Bangladesch geht es um ungeklärte Landfragen. Ein weiteres Problem stellt die Landflucht dar – immer mehr Menschen verlassen ihre Dörfer, um in der Stadt ihr Glück zu versuchen. Was das heißt, erläutern am letzten Tag junge Arbeiterinnen in Textilfabriken, die wir in Dhaka treffen.



Gute Gesetze greifen nicht


Viele machen Überstunden, um den Monatslohn von rund 35 Euro auf 60 bis 70 Euro aufzustocken. Doch die Trennung von der Familie fällt vielen sehr schwer, und so geben sie das mühsam verdiente Geld für lange Telefonate und seltene Besuche in der Heimat schnell wieder aus.
„Die Verstädterung führt zu dramatischen Veränderungen von Familien und Dorfgemeinschaften auf dem Land“, resümiert Körber. „Das kennen wir auch aus anderen Ländern. Aber hier findet alles wie unter einem Brennglas in einer viel kürzeren Zeitspanne statt; die Menschen halten mit der Entwicklung kaum Schritt.“
Eine knappe Woche war
die Delegation in Bangladesch unterwegs. Bereichert um intensive Einblicke in die Situa-tion vor Ort und von Begegnungen mit beeindruckenden Menschen treten wir mit Abschiedsblumen im Arm die Rückfahrt an. „Die Menschen lassen sich nicht entmutigen“, bilanziert Pirmin Spiegel. „Das ist doch eine gute Botschaft für die Fastenzeit, dass wir auf diese Fähigkeit der Betroffenen setzen können.“


Von Gottfried Baumann

Veröffentlicht am 15.02.2013

 
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